Neue Polizeiwache am Alexander Platz – neuer Vorschlag

P1010664-AusstellungDer Alexanderplatz ist ein fast weltstädtisch anmutender großer Platz mit langer und abwechslungsreicher Geschichte. Er ist nicht irgendein Ort in Berlin, sondern zentral gelegen neben dem Fernsehturm, dem Wahrzeichen von Berlin, getrennt davon nur durch S-Bahn- und Straßenbahnschienen. Gerade dieser Umstand, sowie sein hohes Personenaufkommen als Verkehrsknoten und Nachwendekommerzzentrum, macht ihn aber zu einem stellenweise unübersichtlichen Ort, der mehr denn je kriminalitätsbelastet ist.

So ist der Vorschlag von Senator Geisel auf der großen Freifläche zwischen Weltzeituhr und Toilettenpavillon eine neue Polizeiwache zu projektieren, die ca. 70 m2 groß werden soll, erst einmal eine nachvollziehbare Idee. Bei genauerem Hinschauen jedoch versteht man die massiven Bedenken der Denkmalbehörde. Nicht nur die Zeitschicht der Stadtplanung aus Ende der 20ger Jahre, mit den nach dem 2. Weltkrieg übrig gebliebenen beiden Gebäuden von Peter Behrens machen diesen Ort besonders, sondern auch die Nachkriegsmoderne mit der Neugestaltung des Alexanderplatzes nach Wettbewerbsplänen von 1964, die schrittweise realisiert wurden und u.a. mit Weltzeituhr und Fernsehturm bis heute überregional bekannte Zeitzeugnisse liefern. Darüber hinaus würde der geplante Standort für die neue Polizeiwache dann in etwa dort stehen, wo am 4. November 1989 die friedliche Abschlusskundgebung der größte Demonstration der DDR-Geschichte stattfand, an die nach der Wende im Jahr 2010 eine sehr gelungene temporäre Ausstellung erinnerte. Eine Verknüpfung friedlicher Zeitzeugnisse mit der Symbolik einer Polizeiwache wäre deshalb dort weder historisch wünschenswert, noch sinnstiftend.

„Ich hätte mir z. B. gewünscht, dass wir diese temporäre Ausstellung zum Alexanderplatz als Platz der Wende, als Platz der großen Demonstrationen als Dauerausstellung dort irgendwie realisieren könnten, denn es gibt viele Touristen, die zum Teil auch historische Stätten suchen. Dort könnte man den Leuten ganz klar zeigen, dass dieses einer der zentralen Plätze der Wende in der DDR gewesen ist. Insofern wünsche ich mir, dass wir in diese Richtung weiterdenken könnten.“ (Quelle: Vorsitzender Dr. Manuel Heide, Ausschuss für Stadtentwicklung und Umwelt, 26. Sitzung vom 29. Mai 2013).

2004 fand ein „Freiraumplanerischer Ideen- und Realisierungswettbewerb Alexanderplatz“ statt, den das Büro WES Landschaftsarchitekten gewann und der den Alexanderplatz als einen bürgerlichen Weltstadtplatz, einen Ort der Kommunikation und als eine Bühne für alle Gesellschaftsschichten neu interpretierte. „Im Kontrast zu dem grün geprägten Marx-Engels-Forum ist er als steinerner Platz ausgebildet. Die große Platzfläche mit einem Raster aus großformatigen Platten bietet eine adäquate Basis für die Vielschichtigkeit und Struktur der Platzfassaden und erzeugt ein ruhiges, einheitliches Bild. Die Weltzeituhr, der Brunnen der Völkerfreundschaft und die U-Bahnabgänge als denkmalgeschützte Reminiszenz der Historie sind in die Platzfläche integriert. Sockel aus einem helleren Natursteinmaterial lassen sie wie Spielfiguren auf einer Bühne stehen – ohne sichtbares Ordnungsprinzip, locker auf der Platzfläche verstreut. (…) Das Konzept überzeugt in seiner gestalterischen Wirkung, in der sich Eleganz mit einem Charakter des rauen und vitalen Großstadtplatzes, für den dieser Ort seit Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ steht, ausgewogen miteinander verbindet. (…)“ (Auszug Preisgerichtsprotokoll).

Der geplante Neubau für die Polizeiwache ist auch deshalb unnötig und fehl am Platz, weil es rund um den Alexanderplatz schon jetzt geeignete Räume gibt. In den Gewerbegeschossen der Rathauspassagen zum Beispiel befinden sich schon jetzt zentral gelegene Räume, die sich im Eigentum der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Mitte (WBM) befinden. Ein Teil der Gewerbeeinheiten steht leer, daher könnten sie sofort bezogen werden. Weitere geeignete Räume sind im Bahnhof Alexanderplatz vorhanden.

Ebenso wichtig wie eine neue Polizeiwache ist eine größere Nutzungsvielfalt in diesem Gebiet. Derzeit werden die Gewerbeflächen rund um den Alexanderplatz zu Höchstpreisen vermietet. Diese Preise können nur zahlungskräftige Handelsketten und Filialisten bezahlen, während kulturelle und zivilgesellschaftliche Nutzer das Nachsehen haben. Die Folge ist eine kommerzielle Monostruktur und eine Verödung des Gebietes nach Geschäftsschluss. Diese einseitige Nutzerstruktur muss verändert werden. Vor allem die Rathauspassagen und die Gewerbegeschosse an der Karl-Liebknecht-Straße, die sich im Eigentum der WBM befinden, könnten zu günstigen Mieten an kulturelle und zivilgesellschaftliche Nutzer vergeben werden. Diese würden das Gebiet nicht nur beleben, sondern auch Verantwortung für den Stadtraum übernehmen.

Zusammenfassend sei gesagt: Wenn man an der einen Seite des Alexanderplatzes etwas verändert, muss man die andere Seite im Blick haben. Senator Geisel, Senator Lederer und Senatorin Lompscher müssen miteinander und vor allem mit der WBM, sowie dem Bezirk und dem Platzmanagement Alexanderplatz reden und ein integriertes Konzept für den Alexanderplatz zwischen Haus des Reisens und Fernsehturm vorlegen. Es reicht nicht, wenn einer im Alleingang vorprescht.

Weiterführende Informationen:

Freiraum unterm Fernsehturm

Offene Mitte Berlin

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