Der Rat für Stadtentwicklung (RfS) hat sich auch 2012 wieder aktiv am Planungsgeschehen beteiligt

BauakademieattrappeWir geben hier die leicht gekürzte Fassung des geschätzten RfS-Kollegen Uwe Hameyer für das AIV-FORUM wieder.

Das Berliner Planungsgeschehen sorgte auch 2012 für eine Vielzahl von kontrovers diskutierten Themen im Rat für Stadtentwicklung. Eine Auswahl:

Flughafen Tegel – das Thema des diesjährigen Schinkel-Wettbewerbes wurde vom RfS schon bei der Änderung des FNP schriftlich mit Vorschlägen an SenStadt bedacht. Ein wesentlicher Vorschlag war, einen Teil der erheblichen Gewerbeflächen als strategische Reserve für noch unbekannte Nutzungen dieses Generationenprojektes frei zu halten und diese schrittweise zu entwickeln, da der Begriff „Zukunftstechnologien“ zu vage ist. Außerdem wurde angeregt, mit weiteren Erschließungsstrassen die Verbindung zu anliegenden Stadtquartieren zu verbessern, um das Gebiet besser in den städtischen Gesamtzusammenhang zu integrieren. Auch die intensivere Vernetzung der angrenzenden Grüngebiete ist bei der Flächennutzungsplanung offenbar unter den Planungstisch gefallen.

IBA 2020 – hier ist Berlin mit einer erheblichen Zahl von Veranstaltungen auf der Suche nach einer substantiellen inhaltlichen Idee. Verschiedene Mitglieder des RfS haben sich dort beteiligt. Die Summe unterschiedlicher Vorstellungen und die Mutationen der Ziele und Standorte haben ein ziemlich unübersichtliches Planungsterrain geschaffen. Die unermüdlichen Aktivitäten unserer Senatsbaudirektorin werden wohl nur Erfolg haben, wenn der Senat ein auskömmliches Budget und eine Finanzierung von baulichen Maßnahmen zur Verfügung stellt, die Ergebnisse von internationaler Bedeutung möglich machen. Berlin als „Welthauptstadt der Bauausstellungen“ 1910, 1931, 1957, 1984/87 und die sanft entschlafene „Vision mit Bodenhaftung“ (Kaltenbrunner) 1999 hat Maßstäbe gesetzt, die verpflichten. Der RfS plant eine Veranstaltung zum Thema im Februar 2013.

Historische Mitte Berlins – ein facettenreiches Thema! Beim Wiederaufbau des Stadtschlosses als Betonkubus mit barocker Sandsteinverzierung bleibt nur die lakonische Erkenntnis, dass die Fachwelt gegen populäre Bundestagsbeschlüsse keine Chancen hat. Bei den Folgen für das Umfeld durch die neue museale Nutzung hat sich der RfS insbesondere bei der ungelösten Verkehrsführung engagiert, die ca. 14.000 verkehrsrelevante ( Busse, Taxen, Pkws ) Besucher pro Tag verkraften muss. Für die Bauakademie schlägt der RfS entweder eine echte historische Rekonstruktion oder einen Neubau vor, der durch einen Wettbewerb zu klären wäre. Das angrenzende Gebiet Friedrichswerder Nord wird beobachtet, die blauäugigen Vermarktungsstrategien des Vereins Internationale Bauakademie sind erst einmal gescheitert. Das Grundstück vor dem Staatsratgebäude, das aus schwer nachvollziehbaren Rückgriffen auf alte Baufluchten generiert wurde, führte zu einem Wettbewerbsentwurf einer Niederlassung von Thyssen Krupp. Gute Architektur am falschen Ort – glücklicherweise hat die Firma den allgemeinen und auch unseren Gegenwind verstanden und das Projekt abgesagt. Unterstützt haben wir auch die Petition an das AGH der Initiative „Petriplatz – wo Berlin begann“ für die Errichtung des archäologischen Besucherzentrums und gegen eine ungebremste Kommerzialisierung dieses Bereiches. Auch hier hat der Senat Einsicht gezeigt – das Besucherzentrum wurde nicht aus dem Etat gestrichen und ein ansehnlicher Wettbewerbsentwurf des interreligiösen Bethauses soll verwirklicht werden.

Der RfS hat sich an einem letzten Versuch der Grünen-Fraktion beteiligt, die Kronprinzengärten, deren bauliche Ausmaße sich bei den vielen historischen Schichten an deren Maximalvariante orientieren, auf ein standortverträgliches Maß zu reduzieren. Leider war das Planungsrecht auf der Seite der Investoren. Jetzt wurde der gewaltige Bau begonnen und die nur fünf Meter entfernte Friedrichwerdersche Kirche Schinkels musste wegen schwerer Bauschäden bis auf weiteres schließen – ein Beispiel verfehlter Liegenschaftspolitik.

Die oberirdischen Spuren der Berliner Altstadt zwischen Schloss und Alexanderplatz sind bis auf die Marienkirche verschwunden. Mit den Begriffen Marx-Engels-Forum, Rathausforum, Marienviertel wird in der Stadt heftig debattiert, die Strukturen aus dem 17. Jrhdt. aufzunehmen oder umzuformen oder neu zu interpretieren oder die Nachkriegssituation und –entwicklung zu akzeptieren und das gegenwärtige Areal behutsam zu ergänzen. Der RfS setzt sich für die letztere Vorgehensweise ein und vermisst immer wieder bei den genannten Einzelprojekten eine schlüssige und abgestimmte Gesamtidee von Politik und Verwaltung zum Umgang mit der historischen Mitte Berlins.

Zentral- und Landesbibliothek – ein ehrgeiziges Projekt des Landes, das viele Fragen offen lässt. Die Fokussierung auf das Flughafengelände Tempelhof macht u. E. ein schlüssiges Konzept nicht möglich, solange kein Gesamtkonzept für das Gelände verbindlich ist. Die IGA ist inzwischen nach Marzahn umgezogen und auch die IBA 2020 entfernt sich zusehends von diesem Standort. Für städtebauliche Voruntersuchungen ist wegen des „Legislaturperiodendrucks“ keine Zeit mehr und der Nutzer hat alle alternativen Standortvorschläge abgelehnt. Angesichts des Leerstandes vieler öffentlicher Bauten hat der RfS die Maxime „Umnutzung vor Neubau“ aufgestellt. An der Realisierung des Neubaus wird jedoch mit Hochdruck gearbeitet. Damit schwinden die Hoffnungen, Tempelhof für zukünftige flugaffine Nutzungen frei zu halten.

Mollstrasse / Otto-Braun-Strasse – eine der in Berlin so beliebten Blockrandschliessungen des Planwerks Innenstadt von 1998 sorgt hier für Konflikte mit den Bewohnern, die hier guten Glaubens, dass die vorgelagerte Grünfläche Bestandsschutz hat, Eigentum erworben haben. Das auf dieser Fläche geplante Büro- und Geschäftshaus verschattet in 30m Abstand und 30m Höhe den bisher freien Blick und die Bewohner werden durch den zu erwartenden Anlieferverkehr stark beeinträchtigt. Der RfS hat auf Bitten der Bürgerinitiative die Verwaltung aufgefordert, an dieser Stelle von den engen Vorgaben des Planwerks abzurücken. Ein erster Genehmigungsantrag wurde vom Bezirk abgelehnt. Dennoch ist die Planrechtslage auf Seiten des Investors. Die Initiative wird Rechtsmittel einlegen.

Fasanenplatz – hinter der ehemaligen Freien Volksbühne ( jetzt Berliner Festspiele ) von Fritz Bornemann auf der Grünfläche Gerhard-Hauptmann-Anlage sorgten mutierende Planungen erst eines Bürohochhauses, dann eines Gebäuderiegels und schließlich von vier 5-geschossigen Stadtvillen für Unruhe unter den Anliegern. Eine 5m hohe Lärmschutzwand sollte die neuen Bewohner vor den Emissionen des Festspielbetriebs schützen. Der RfS hat mehrere Stellungnahmen an Senat und Bezirk gerichtet und auf die unlösbaren Konflikte der Planung hingewiesen. Der B-Plan wurde vor kurzem aufgehoben und das Projekt wird nicht realisiert.

Ehemaliges ev. Konsistorium Bachstrasse – Die kirchennahe Hilfswerksiedlung GmbH hat mit einem Bebauungskonzept auf der Grundlage des Planwerks erheblichen Widerstand des Bürgervereins Hansaviertel ausgelöst. Der hochwertige Solitär des Konsistoriums von Müller / Heinrichs (1968-1971) könne nicht durch eine Blockrandbebauung abgelöst werden, da die offene Architektur des Hansaviertels mit der Bauausstellung 1957 sich bewusst von der Gründerzeitarchitektur abgewendet hat. Der RfS hat die Forderung der Senatsbaudirektorin nach einem Wettbewerb unterstützt. An dem vom Investor schließlich durchgeführten Gutachterverfahren nahm ein Mitglied des RfS als Gast teil. Das Konsistorium wurde vor kurzem abgerissen, bevor der Denkmalschutz reagiert hat.

Siehe auch: www.ratfuerstadtentwicklung.de/