Fake News aus Düsseldorf

Ein Beitrag von Stefan Rettich vom 19. Mai 2019 anlässlich der „Düsseldorfer Erklärung zum Städtebaurecht“ des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst, die von 50 Stadtbauräten, Dezernenten und Planungsamtsleitern unterzeichnet wurde

Mit der Leipzig Charta ist es wie mit der Charta von Athen, alle reden davon, aber kaum einer hat sie gelesen. Anders lässt sich die „Düsseldorfer Erklärung zum Städtebaurecht“ des Deutschen Instituts für Stadtbaukunst, die von 50 Stadtbauräten, Dezernenten und Planungsamtsleitern unterzeichnet wurde, nicht deuten. Die Erklärung zielt auf die in Fachkreisen immer wieder geforderte Reform der Baunutzungsverordnung, um eine stärkere funktionale Mischung und höhere Dichten zu ermöglichen – insofern nichts Neues und auch nichts grundlegend Falsches. Allerdings wird dem eigentlichen Inhalt eine eben solange Rede mit dem hinlänglich bekannten Mantra der Vertreter des Instituts von Platz, Block und Hof vorangestellt. Diese Vorstellung eines vermeintlich idealen Städtebaus wird dabei in einen falschen Sinnzusammenhang mit der Leipzig Charta gerückt und sogar mit ihr begründet. Wer sich mit der Leipzig Charta und ihrem Entstehungsprozess befasst, wird dagegen feststellen, dass diese in keiner Weise auf die Verbreitung einer von bestimmten deutschen Kreisen postulierten Städtebauideologie zielt.

Selbstverständlich die ganze Stadt

Die Leipzig Charta war der Versuch, das Primat der Nachhaltigkeit gesamteuropäisch vorzudenken, auf nationaler Ebene zu verankern und auf lokaler Ebene mit dem Instrument der integrierten Stadtentwicklung umzusetzen. Zusammen mit der zeitgleich verabschiedeten „Territorial Agenda of the European Union“ zielte sie außerdem darauf ab, die Stadt als Territorium von besonderer Bedeutung für Wirtschaft und Wachstum im Bewusstsein anderer Fachpolitiken und Ministerien zu verankern. Stadtentwicklungspolitik sollte demnach als zentrales politisches Feld und als Schlüssel für eine positive Gestaltung gesellschaftlicher und ökonomischer Transformation etabliert werden.

Mit der Charta wurde auch das Leitbild der „nachhaltigen europäischen Stadt“ eingeführt, die in ihrem Subtext eine sozial und sektoral integrierte Stadt repräsentiert sowie eine proklamierte Stadt, die sich in Form von politischen Leitlinien selbst verpflichtet. Mit dem Begriff der „europäischen Stadt“ wird in diesem Kontext Bezug auf das europäische Städtenetz und die gemeinsame Historie genommen, die selbstverständlich die gesamte Stadt, also auch das Erbe der Moderne und die polyzentrischen Agglomerationen miteinschließt. Im Gegensatz dazu stehen im spezifisch deutschen Diskurs hinter diesem Leitbild die kompakte, sozial- und nutzungsgemischte Stadt der kurzen Wege, gekoppelt mit dem städtebaulichen Paradigma traditioneller Stadtstrukturen (Straße, Platz, Park, Block und Hof). Ausgehend von der IBA Berlin (1987), in der die behutsame Stadterneuerung sowie die kritische Rekonstruktion als Instrumente eingeführt wurden, hat diese Linie im weiteren Diskurs historisierende Züge der „Stadtbaukunst“ und der architektonisch-städtebaulichen Rekonstruktion angenommen. Von diesem spezifischen, deutschen Diskurs und dem damit verbundenen Leitbild der „Europäischen Stadt“ (mit großem „E“) ist in der Leipzig Charta in keiner Silbe die Rede. Wie auch, die Leipzig Charta ist ein Papier für den politischen Raum und adressiert lokale Politikfelder mit Bedeutung für die Stadtentwicklung. Wo es um bauliche Fragen geht, bleibt sie allgemein, hebt beispielsweise „die Qualitäten von öffentlichen Räumen, urbanen Kulturlandschaften und von Architektur und Städtebau“ als Grundbedingung für ein gutes Leben hervor oder eine umfassende Baukultur, die kulturel­le, ökonomische, technische, soziale und ökologische Aspekte verbindet. Die Leipzig Charta wird stadträumlich also gar nicht konkret, mit einer Ausnahme: Ein ganzes Kapitel ist den „benachteiligten Quartieren im gesamtstädtischen Kontext“ gewidmet.Wenn die Dortmunder Stadtbaukünstler nun behaupten, die Leipzig Charta würde sich einseitig für die Qualität eines traditionellen Städtebaus aussprechen, stiften sie bewusst zu einer falschen Auslegung an – und dem muss entschieden widersprochen werden. Die fragwürdige Unterscheidung in stadträumlich gute und schlechte Quartiere, treibt einen Keil in die Gesellschaft, indem beispielsweise benachteiligte Quartiere mit moderner Prägung – ganz im Gegensatz zur Leipzig Charta – zusätzlich stigmatisiert werden.

 

Mythen über Mischung und Typen

Wer sich kritisch mit der Ideengeschichte des Quartiers befasst, wird zu einer recht einfachen Erkenntnis gelangen: Es gibt gute Quartiere und es gibt schlechte – unabhängig von ihrer stadträumlichen Typologie. Oder wer wird dem Quartier des États Unis in Lyon, dem Barbican in London, der Berliner Siemensstadt oder den Hamburger Grindelhochhäusern Qualität absprechen, nur weil sie den Prinzipien des modernen Städtebaus folgen? Auch mit der Mär der bis unter das Dach nutzungsdurchmischten Gründerzeit muss endlich aufgeräumt werden. Die Trennung der Funktionen beginnt mit der Industrialisierung und nicht wenige Quartiere der Gründerzeitstadt sind bis heute in der Hauptsache Wohnmonofunktionen mit Hochparterre, mit hier und da einem Laden oder einer Eckkneipe.

Das gilt besonders für Leipzig, die Stadt in der die Charta unterzeichnet wurde. Das Waldstraßenviertel und der Leipziger Osten sind nicht nur bis heute sozial segregierte Quartiere, sie sind auch bis heute weitgehend dem reinen Wohnen vorbehalten. Ganz wie die heute im Entstehen begriffene Neue Mitte Altona. Die übrigens nicht wegen der BauNVO auf Mischung verzichtet, sondern weil es sich – wie früher – für die Investoren einfach besser rechnet. Und auch Plagwitz, das für seine durch kreative Milieus initiierte Transformation bundesweit bekannt ist, war in seinen Funktionen feinsäuberlich getrennt, durch einen Kanal. Hier die Hallen für Produktion und Gewerbe, dort fürs Wohnen. Das heißt nicht, dass eine stärkere Durchmischung nicht erstrebenswert ist, aber die vorgetragenen Argumente stimmen einfach nicht. Und der geschlossene Blockrand ist auch nicht per se die beste Typologie, um Nutzungen zu mischen oder um höhere Dichten zu erzielen.

Als neue und gute typologische Antwort auf die Frage von Nachverdichtung und Reduzierung des Flächenverbrauchs zeichnen sich „Dicke Häuser“ mit Cluster-Wohnen ab, wie das Beispiel des Züricher Hunziker Areals verdeutlicht. Es werden dieselben baulichen Dichten wie bei einer Blockrandbebauung erreicht und die Erdgeschossflächen haben eine ausreichende Dimension, um größere Einzelhandelsflächen, wohnverträgliches Gewerbe oder Gemeinschaftseinrichtungen aufzunehmen. Zusätzlich steht ganz im Sinne der doppelten Innenentwicklung mehr öffentlicher Raum zur Verfügung, weil „Dicke Häuser“ keinen Hof benötigen. Durch ein optimiertes A/V Verhältnis kann außerdem preiswerter gebaut werden, weil weniger teure Fassadenfläche ansteht und über den Sharing-Ansatz der Wohngruppen reduziert sich der Wohnflächenverbrauch pro Kopf.

Es zeigt sich auch, dass die Mischung der Funktionen heute der Fügung sich widersprechender Typologien bedarf, um dem Flächen- und Volumenbedarf von Einzelhandel und produzierendem Gewerbe in idealer Weise gerecht zu werden.

 

Der blinde Fleck

Wie ein Quartier und dessen öffentliche Räume geschnitten sein kann, dessen Gebäude unterschiedliche Höhen, Tiefen und Längen aufweisen, zeigt exemplarisch der Entwurf von Teleinternetcafé für das Münchner Kreativquartier. Hier sind differenzierte, lineare Raum- und Platzfolgen angelegt, die sich aus den funktionalen Anforderungen heraus entwickeln. Eine formal determinierte Blockrandbebauung kann diese funktionale Offenheit nicht in demselben Maße bieten, insbesondere nicht, wenn ihr Hofbereich als privater Freiraum der Bewohner dienen soll.

Schließlich greift die Düsseldorfer Erklärung in einem ganz entscheidenden Punkt zu kurz: Werden die Obergrenzen der baulichen Dichten in der BauNVO aufgehoben, werden im selben Moment die Grundstückpreise um ein vielfaches steigen. Grundeigentümer werden einmal mehr mit leistungslosen Gewinnen belohnt, während die öffentliche Hand auf den Kosten für die Anpassung von Infrastruktur und Wohnfolgeeinrichtungen sitzen bleibt. Wer also die BauNVO im Sinne höherer Dichten reformieren will, der muss eben auch eine bodenpolitische Reform mitdenken – und eine Reform des städtebaulichen Repertoires, das die angestrebten Dichten und Funktionsmischungen auf zeitgemäße Weise aufnehmen kann.

Es bleibt die Frage, weshalb sich 50 Stadtbauräte, Dezernenten und Planungsamtsleiter dieser falschen, die Leipzig Charta instrumentalisierenden und zersetzenden Vorrede anschließen. Wissen sie es nicht besser oder nehmen sie dies billigend in Kauf, um den an sich richtigen Ansatz zur Reform der BauNVO politisch durchzusetzen?